Was bleibt von einem Jahr übrig: 365 vergangene Tage beladen mit mehr oder weniger eingeprägten Erinnerungen. Das bleibt auch noch nach 77 Lebensjahren so. In diesem Alter darf ich mich fragen: Hat es sich gelohnt sie zu leben? Habe ich ein Ziel erreicht? Hatte ich jemals ein "Ziel"?
Die Antwort ist, nach reiflicher Überlegung: Nein. Meine Ziele wurden durch Ereignisse und Personen vorgegeben, ich selber hatte nie eins. Vielleicht wollte ich nur einfach glücklich sein. Aber das ist kein Ziel sondern ein Wunsch. Und Wünsche sind nur Randerscheinungen des wirklichen Lebens. Habe ich also gar nicht wirklich gelebt?
Vor wenigen Minuten öffnete ich mein Küchenfenster um den Himmel zu fotografieren, als eine Amsel von dem kleinen "Balkon" aufflog und sich auf das Umgebungsgitter setzte. Ich war sehr überrascht, dass sie nicht floh. Sie saß da, nur einen Meter entfernt und sah mich an. Ich sagte: "Guten Tag." (Ich rede mit allem das Notiz von mir nimmt, auch mit meinen Socken wenn ich sie anziehe, oder mit der Bettdecke, wenn ich zu Bett gehe.)
| Manchmal erscheint meine Bettdecke als großer Vogel, der mit mir ins Land der Träume fliegt. |
Die Amsel blieb sitzen. "Es freut mich dass Du da bist und von dem Futter frisst das ich in dem Futterhäuschen ausgelegt habe." sagte ich. Sie sah mich an. Ich wagte kaum nicht zu bewegen, schon die Bewegung meiner Lippen könnte sie aufscheuchen, befürchtete ich. Sie blieb sitzen. Sie ließ sich sogar fotografieren. (Leider wurde das Foto unscharf, wegen meines Tremors.) "Du bist schön." sagte ich ihr und andere belanglose Dinge. Erst als ich mich zum Fenster hinausbeugte um das Foto vom Himmel zu machen, flog sie davon, ohne die amseltypischen Warnrufe auszustoßen.
In dem Augenblick war ich glücklich.
Wenn es nur immer so einfach wäre!
Ein Jahr ist vergangen und ich blicke darauf zurück als wäre es ein schnell fließender aber doch zäher Brei, wie Lava die an der Oberfläche schnell erstarrt und im Inneren noch glüht. Was glüht sind die Erinnerungen, aber auch sie erkalten und werden dunkel.
In diesem Jahr erinnere ich mich an drei Augenarzt-besuche, bei denen jedes Mal die Verschlechterung meiner Sehfähigkeit ermittelt und bestätigt wurde. Obwohl ich diese Erinnerung gerne schnell verglühen sähe, schwimmt sie im Fluss des Jahres obenauf, weil sie meinen Alltag prägt. Daran wird sich auch im kommenden Jahr nichts ändern.
Darüber bin ich nicht glücklich!
Viele Glücksmomente verdanke ich der Wilhelma, dem botanisch-zoologischen Garten. Dass diese möglich wurden, und auch im nächsten Jahr werden, danke ich der Familie M. aus U., hauptsächlich deren drei Töchtern. Sie luden mich zu einem Wilhelmabesuch ein und ich entdeckte ein kleines Paradies das mir sehr gefällt. Es ist überschaubar. Zwar bin ich mit der Unterbringung der Tiere in verglasten Betonklötzen nicht einverstanden, aber sie überleben darin, was in der "freien Natur" immer unmöglicher wird. Die Menschheit, die sich ja auch immer mehr einbetoniert und verglast, denkt wohl, dass dies "artgerechte Haltung" für alle Lebewesen ist. (Über meine Wilhelmabesuche habe ich ja andere Kapitel geschrieben, also bitte dort nachlesen.)
Dass mir eine Aussöhnung mit meiner Schwester, nach jahrzehntelangem Schweigen (meinerseits, wegen einer, mir damals als großartig erscheinenden, kleinlichen Meinungsverschiedenheit an einem Heiligen Abend) gelungen ist, zählt auch zu dem Glück dieses Jahres.
(Weihnachten scheint ja generell die Zeit der Familienzwistigkeiten zu sein.)
Das sonntägliche gemeinsame Mittagessen (sie kocht vorzüglich!) und die danach zusammen verbrachten Nachmittage, haben sich inzwischen als "Tradition" etabliert. Wir sind beide glücklich darüber.
Es gibt viele ausgesprochene Dinge, die mich nicht glücklich machen, mit denen ich aber leben muss. Ich wurde als egoistisch, egozentrisch, selbstsüchtig und feige bezeichnet, von jemand mit dem ich ein viertel Jahrhundert meines Lebens verbrachte. Damit wurden alle Gefühle die ich hatte in Zweifel gezogen und 25 Jahre zu einer Lüge im Denken des Anderen. Seither schweige ich. Schon der Versuch einer Rechtfertigung wäre ein Verrat an mir selbst und ich müsste mich schämen für das, was ich fühlte. Jetzt fühle ich nur noch Kälte und Erstarrung bis auf den Grund des Flusses.
Heute ist der 31. Dezember 2015. Ich wünsche allen ein glückliches, freundlich fließendes Jahr 2016 und keine Unterbrechung danach!


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