Diese Geschichte beginnt wieder im "Schlemmer Grill" im Stuttgarter Hauptbahnhof. Das Lokal kommt dem was man eine Kneipe nennt noch am nächsten in dem Gebäude das früher eine Begegnungsstätte der "Alt"-Stuttgarter war, heute aber eher einer großen Einsegnungshalle gleicht.
Jeden zweiten oder dritten Tag führt mich mein Weg dort hin, je nachdem wie lang und anstrengend der tägliche Spaziergang am Vortag war. Da geht es immer bergauf und bergab. Zum Bahnhof komme ich "ebenerdig". Nachdem ich so zwischen 40 und 50 Minuten dorthin brauche, nehme ich an, dass es knapp 4 Kilometer von meiner Haustür zum Nordeingang des Hbf sind.
Dort habe ich, je nach der Tageszeit, verschiedene Anlaufstellen: Nachmittags das "Café Segafredo" unter den Arkaden, oder, wenn es mir da zu voll ist, das "Ritazza" in der Großen Schalterhalle, wo ich mich draußen hinsetze und Reisende beobachte. Allerdings ist das jetzt nicht mehr so interessant, seit die Bahnsteige nicht mehr dort enden und der Zugang zu diesen sich am Nord- und Süd-Eingang befinden. Die Öde dazwischen ist zwar auch faszinierend, aber nicht wirklich inspirierend.
Der Schlemmer Grill kommt nur in Frage, wenn dort, außer mir, weniger als drei Gäste anwesend sind. Sonst kommt es mir zu voll vor. Die Dauerspieler an den zwei Automaten zählen nicht, die stehen im Abseits und tragen nichts zur Atmosphäre bei. Bis auf gestern Abend!
An der Theke überlegte der "Schatzisager" vor seinem Hefeweizen, ob er einschlafen sollte. Die "Bedienung" war damit beschäftigt sich auf den Feierabend vorzubereiten, obwohl der noch mehr als zwei Stunden entfernt war.
Ich nenne ihn den Schatzisager, weil er zum weiblichen Thekenwartungspersonal (Bedienung klingt so demütigend, finde ich) immer Schatzi sagt. "Schatzi Du machst das falsch." "Schatzi mach mir noch eins." Je später es wird, desto weniger oft hört man "Schatzi", weil, wie gesagt, er dann schläft.
Auf dem Fußboden lag ein weißer Scotch Terrier an einer langen Leine, die an einem Hocker in der Spielautomatennische festgemacht war, und trommelte mit dem Schwanz, wenn draußen etwas vorbei ging, das er beachtenswert fand. An den Automaten, es hängen zwei an der Wand, spielte eine noch ziemlich junge, aber schon alt aussehende, nicht gerade schlanke Frau. Sie trug schwarze Legins, in die sie wie aus einer Wurstmaschine hineingepresst aussah. Wahrscheinlich hätte ich sie nicht weiter beachtet, wenn nicht zwei sehr junge "Bürschchen", anders kann man sie nicht nennen, herein gekommen wären, die sofort auf die Spielautomaten zu gingen. Aber die waren besetzt und als einer der Zwei die Frau fragte, ob sie an beiden spiele, fauchte die: "Das siehst Du doch!" Und wenn ich "fauchte" sage, dann meine ich "feuerspeiend"!
Mir war schon aufgefallen, so aus den Augenwinkeln des Bewusstseins, dass die Spielerin die Automaten mit großen Geldscheinen, also 100 oder 50 €uro, fütterte, oder bestückte, oder wie auch immer das in Spielerkreisen heißen mag. Jetzt, nachdem sie quasi meine ganze Aufmerksamkeit genoss, oder besaß, sie wusste ja nicht dass ich existiere, fragte ich mich, woher das viele Geld wohl kommt. Auf diese Frage habe ich keine Antwort bekommen, auch nicht von Angelica, dem "Schatzi" des Abends, also vergesst sie.
Die zwei Bürschchen hockten auf zwei Hockern und beobachteten die Spielautomaten mit Augen, die hypnotisieren wollten. Sie bestellten nichts, nichts zu Essen und kein Getränk. Sie kauerten nur da, wie Geier, die auf Aas warten. Ehrlich gesagt bezweifle ich, dass sie 18 Jahre alt waren, das Minimalalter um spielen zu dürfen.
Aber das war nicht mein Problem. Mir ist bekannt, dass die Automaten eigentlich nicht zum Lokal gehören, der Platz für ihre Aufhängung ist gemietet. Als ich Angelica darauf ansprach, sagte sie, dass das richtig ist, dass aber die Verantwortung wer daran spielt, beim Betreiber des Lokals liegt. Und damit beim Personal das anwesend ist. Deshalb war sie froh, dass die Jungs nicht an die Apparate kamen. Sie ist jung, hübsch, zartgliedrig (sagt man das noch?) und hat üppige Locken in Farbe und Form wie die von Albrecht Dürer auf dem bekannten Selbstporträt.
Rebecca, so hieß die Spielerin ... da greife ich jetzt aber vor ... trank Bier. Immer ein kleines Export. Reste im Glas, die schal geworden waren, kippte sie, mit einer zornigen Schleuderbewegung aus dem Handgelenk, auf die schmale Ablage vor sich, wenn die Automaten wieder einmal nicht ihren Willen taten.
Meine Apfelschorle war längst getrunken und eigentlich hätte ich gehen können. Ich ging nicht und bestellte noch eine Schorle. Im Fernsehen läuft auch nichts Besseres als hier, dachte ich. Und es wurde besser!
Plötzlich kam Rebecca, die Spielerin, direkt auf mich zu, na ja, nicht zu direkt, die Bierchen lasteten in ihren Beinen, und lallte: "Kannscht Du mal nachschehn wann der näschste Zug nach Münschen geht?"
Ich war nicht nur überrascht, ich war verblüfft! In solchen Situationen halte ich mich immer für unsichtbar. Der Jedi im Hintergrund. Entsprechend verzögert war meine Reaktion. Ich zauderte.
Wenn in Filmen die Leute sich immer erst noch einmal umsehen, ehe sie weglaufen, finde ich das total bescheuert. "Lauf doch zu!" schreie ich den Fernsehapparat an und denke: Wie kann man so bescheuert sein? Das macht doch niemand im echten Leben!
Und hier saß ich auf dem Hocker und sah mich um, ob da jemand hinter mir wäre. Das Leben ist bescheuerter als das Fernsehen! Wenigstens habe ich das gelernt!! Und drei Mal hintereinander bescheuert geschrieben, das sollte einsinken!
Ich ging also hinaus in die Schalterhalle und suchte die Anzeigetafel auf der die abfahrenden Züge angezeigt werden. Die befinden sich am Nord- und am Süd-Eingang, also zwischen Gleis 1 und Gleis 16. Der Schlemmer Grill ist auf der Höhe von Gleis 8. ... Der langen Rede kurzer Sinn, es dauerte bis ich mit der Nachricht zurück kam, dass der nächste Zug nach München um 21:12 Uhr fahre, aber 5 Minuten Verspätung habe. Da war es 21:11 Uhr.
"Okay." nuschelte Rebecca und wandte sich dem Automaten zu, in dem noch Geld zu verspielen steckte.
Habe ich erwähnt, dass die Buben inzwischen das Handtuch geworfen hatten und davongeschlichen waren?
Und hier beginnt das Loslassen.
Nachdem ich als Beteiligter einbezogen worden war, fühlte ich mich verantwortlich. Zwar nicht für Alles, aber für das woran mein Interesse hing. Und das war jetzt Rebecca, so absurd das scheinen mag. Sie hatte mich angesprochen und ich hatte geantwortet, so einfach war das.
Statt ihren Hund und ihr Gepäckstück an sich zu nehmen und schleunigst nach Gleis 16 zu eilen, wo der Zug angekündigt war, spielte sie erst noch das Geld herunter, das sich aus ihrem Einsatz im Apparat befand.
Ich blickte dauernd zur Uhr. 5 Minuten Verspätung sind nicht viel!
Endlich klingelte nichts mehr im Gerät und die Spielerin sammelte die Hundeleine ein ... da sah ich erst, dass es zwei waren! Unter dem Hocker hinter dem Gepäck lagerte ein Pekinese, oder Ähnliches.
Schon allein das Entwirren und vom Hocker Loskoppeln der Leinen dauerte, für mein auf Hochtouren laufendes Empfinden, eine Ewigkeit. Schließlich stolperte und wankte sie aus der Tür in Richtung Gleis 16.
Ich wagte durchzuatmen. Mission accomplished! Einen Menschen auf den richtigen Weg gebracht und das ohne missionarisch zu werden. Hier ist Schulterklopfen angebracht ... wagte ich zu denken.
"Die kommt wieder." sagte der Schatzisager, ohne weit aus seinem Bierschlaf aufzutauchen.
Ich schwieg. An einem Dialog mit einem Besoffenen war ich nicht interessiert.
Plötzlich richtet er sich ruckartig auf und fixiert mich mit seinen Mausaugen. Er sieht wirklich einer Maus ähnlich: spitze Nase, fliehendes Kinn, ein kleiner Mund, dem ein schmales Oberlippenbärtchen vergeblich versucht Männlichkeit zu verleihen.
"Die kommt hunnerd brozent wieder.", lallt die Maus. "Icccch bin seit fümfhur da un da war die au schoda. Die kommt wieder ..." Sein Kinn sackt Richtung Theke.
Ich atme auf.
Es ist 21:25Uhr.
Sie hat es geschafft!
Da kommt sie wieder, im Schlepptau der Hunde, deren Leinen sich um ihre Beine winden. Wie sie es schafft aufrecht zu bleiben, ist mir ein Rätsel.
Aber es gibt eben unheimlich starke Frauen.
Na ja, unheimlich ist das jetzt schon.
Nichts ist absurder als das Leben!
Und ich fühle mich für sie teilverantwortlich!
Der nächste Zug nach München fährt um 22:12 Uhr. Nicht ganz eine Stunde, denke ich, das wird sie schaffen.
Absurd ist, was nicht surd ist, oder?
Die Spielerin, gleich erfahre ich ihren Namen, hat die Automaten wieder mit Geld gefüttert. Die Hunde sind völlig geschafft und ruhen unter einem Hocker. (Sie hatten Wasser und etwas zu fressen schon früher.) Das Gepäckstück hat sie einfach fallen lassen, als sie wieder zur Tür herein kam. Da liegt es.
Als wäre das nicht genug, kommen jetzt auch die Bürschchen wieder herein und sehen mit Entsetzen, dass die Automaten schon wieder, oder, wie sie glauben, immer noch besetzt sind. Ich kläre sie auf, dass sie zehn Minuten zu spät kommen. Sie sehen mich gequält an. Ich bedauere sie nicht. Sie gehen.
Plötzlich verlässt der Schatzisager seinen Hocker und stolpert zur Spielerin.
"Weisch Du, morgen fährt auchnocheinZug nach München." flüstert er ihr so laut ins Ohr, dass ich es nicht überhören kann.
"Du kansch beimirschlafen."
Ich frage mich, ob dies Alice im Wunderland oder sonst ein Science Fiction Film ist.
"Wo wohnsch Du denn?" fragt sie.
"Wie heisch Du denn?" kommt seine Gegenfrage.
Sie überlegt kurz und sagt dann: "Rebecca."
Ein schöner Name, denke ich und gleich fällt mir Daphne du Maurier ein. Wem auch nicht.
Der Schatzisager spitzt plötzlich seine Mauslippen und, wirklich und wahrhaftig, sie küsst ihn. Allerdings eher wie aus Versehen als mit Inbrunst.
Sie fragt dann noch einmal wo er wohnt und er erklärt, dass man da mal kurz mit dem Zug fahren müsse und dann noch vielleicht zwei Minuten laufen.
"Laufen?" fragt sie.
So scheitern Romanzen.
Sie spielt das Geld zu Ende. Bier hat sie nicht mehr getrunken, obwohl ihr Verehrer es mehrfach anbot. Dann sammelt sie wieder die Hundeleinen ein, schnappt ihr Gepäckstück und schrammt durch die Tür.
Du lieber Himmel, denke ich, die schafft das nie!
Schatzisager betet wieder geneigten Hauptes sein Bier an. "Die kommt wieder." nuschelt er.
Ich sitze wie auf heißen Kohlen. `Die armen Hunde´, denke ich. `Die Besoffene´, denke ich, was durchaus nicht abwertend ist, aber man soll sich die Dinge ja auch nicht schön reden, oder?
Nach zeh Minute trinke ich meine Schorle aus und gehe.
Zum Bahnsteig 15, aus dem der IC nach München fahren soll.
Wenn es sein muss, werde ich ihr helfen in den Zug einzusteigen, das bin ich ihr schuldig.
Loslassen, sagt meine Vernunft.
Von Weitem beobachte ich sie. Die Polizei übrigens auch. Die zwei Beamten schütteln den Kopf und lachen. Wenn das ihre Frauen wären? denke ich.
Der Zug ist pünktlich. Wunder geschehen.
Ich bin ganz nah bei ihr, als die Passagiere aussteigen und sie, belastet mit Hunden und Gepäck nach innen drängt ... in den BistroWagen. Sie setzt sich an einen Fensterplatz. Ich könnte ihr noch zuwinken, tu es aber nicht. Sie könnte mich als Spanner anzeigen ... Dann kommt der Zugbegleiter an ihrem Platz vorbei und wechselt ein paar Worte mit ihr. Sie rafft Hundeleinen und Gepäck auf und verlässt den Zug und hastet weiter nach vorn den Bahnsteig entlang. Offensichtlich wird der Zug hier getrennt ...
Der Zugbegleiter, der sie angesprochen hat, steht auf dem Bahnsteig. Er zündet sich eine Zigarette an.
"Ihnen ist schon bekannt, dass hier Rauchen verboten ist?" wage ich anzumerken.
"Na und?" sagt er.
"Es gibt Raucher-Areale." sage ich.
"Soll ich Ihnen eins zeigen?" fragt er. Aggressiv ist gar kein Ausdruck!
"Aber warum rauchen Sie dann hier?" frage ich.
"Weil mir danach ist!" schnauzt er.
Loslassen, denke ich, und gehe heim.
Dort habe ich, je nach der Tageszeit, verschiedene Anlaufstellen: Nachmittags das "Café Segafredo" unter den Arkaden, oder, wenn es mir da zu voll ist, das "Ritazza" in der Großen Schalterhalle, wo ich mich draußen hinsetze und Reisende beobachte. Allerdings ist das jetzt nicht mehr so interessant, seit die Bahnsteige nicht mehr dort enden und der Zugang zu diesen sich am Nord- und Süd-Eingang befinden. Die Öde dazwischen ist zwar auch faszinierend, aber nicht wirklich inspirierend.
Der Schlemmer Grill kommt nur in Frage, wenn dort, außer mir, weniger als drei Gäste anwesend sind. Sonst kommt es mir zu voll vor. Die Dauerspieler an den zwei Automaten zählen nicht, die stehen im Abseits und tragen nichts zur Atmosphäre bei. Bis auf gestern Abend!
An der Theke überlegte der "Schatzisager" vor seinem Hefeweizen, ob er einschlafen sollte. Die "Bedienung" war damit beschäftigt sich auf den Feierabend vorzubereiten, obwohl der noch mehr als zwei Stunden entfernt war.
Ich nenne ihn den Schatzisager, weil er zum weiblichen Thekenwartungspersonal (Bedienung klingt so demütigend, finde ich) immer Schatzi sagt. "Schatzi Du machst das falsch." "Schatzi mach mir noch eins." Je später es wird, desto weniger oft hört man "Schatzi", weil, wie gesagt, er dann schläft.
Auf dem Fußboden lag ein weißer Scotch Terrier an einer langen Leine, die an einem Hocker in der Spielautomatennische festgemacht war, und trommelte mit dem Schwanz, wenn draußen etwas vorbei ging, das er beachtenswert fand. An den Automaten, es hängen zwei an der Wand, spielte eine noch ziemlich junge, aber schon alt aussehende, nicht gerade schlanke Frau. Sie trug schwarze Legins, in die sie wie aus einer Wurstmaschine hineingepresst aussah. Wahrscheinlich hätte ich sie nicht weiter beachtet, wenn nicht zwei sehr junge "Bürschchen", anders kann man sie nicht nennen, herein gekommen wären, die sofort auf die Spielautomaten zu gingen. Aber die waren besetzt und als einer der Zwei die Frau fragte, ob sie an beiden spiele, fauchte die: "Das siehst Du doch!" Und wenn ich "fauchte" sage, dann meine ich "feuerspeiend"!
Mir war schon aufgefallen, so aus den Augenwinkeln des Bewusstseins, dass die Spielerin die Automaten mit großen Geldscheinen, also 100 oder 50 €uro, fütterte, oder bestückte, oder wie auch immer das in Spielerkreisen heißen mag. Jetzt, nachdem sie quasi meine ganze Aufmerksamkeit genoss, oder besaß, sie wusste ja nicht dass ich existiere, fragte ich mich, woher das viele Geld wohl kommt. Auf diese Frage habe ich keine Antwort bekommen, auch nicht von Angelica, dem "Schatzi" des Abends, also vergesst sie.
Die zwei Bürschchen hockten auf zwei Hockern und beobachteten die Spielautomaten mit Augen, die hypnotisieren wollten. Sie bestellten nichts, nichts zu Essen und kein Getränk. Sie kauerten nur da, wie Geier, die auf Aas warten. Ehrlich gesagt bezweifle ich, dass sie 18 Jahre alt waren, das Minimalalter um spielen zu dürfen.
Aber das war nicht mein Problem. Mir ist bekannt, dass die Automaten eigentlich nicht zum Lokal gehören, der Platz für ihre Aufhängung ist gemietet. Als ich Angelica darauf ansprach, sagte sie, dass das richtig ist, dass aber die Verantwortung wer daran spielt, beim Betreiber des Lokals liegt. Und damit beim Personal das anwesend ist. Deshalb war sie froh, dass die Jungs nicht an die Apparate kamen. Sie ist jung, hübsch, zartgliedrig (sagt man das noch?) und hat üppige Locken in Farbe und Form wie die von Albrecht Dürer auf dem bekannten Selbstporträt.
Rebecca, so hieß die Spielerin ... da greife ich jetzt aber vor ... trank Bier. Immer ein kleines Export. Reste im Glas, die schal geworden waren, kippte sie, mit einer zornigen Schleuderbewegung aus dem Handgelenk, auf die schmale Ablage vor sich, wenn die Automaten wieder einmal nicht ihren Willen taten.
Meine Apfelschorle war längst getrunken und eigentlich hätte ich gehen können. Ich ging nicht und bestellte noch eine Schorle. Im Fernsehen läuft auch nichts Besseres als hier, dachte ich. Und es wurde besser!
Plötzlich kam Rebecca, die Spielerin, direkt auf mich zu, na ja, nicht zu direkt, die Bierchen lasteten in ihren Beinen, und lallte: "Kannscht Du mal nachschehn wann der näschste Zug nach Münschen geht?"
Ich war nicht nur überrascht, ich war verblüfft! In solchen Situationen halte ich mich immer für unsichtbar. Der Jedi im Hintergrund. Entsprechend verzögert war meine Reaktion. Ich zauderte.
Wenn in Filmen die Leute sich immer erst noch einmal umsehen, ehe sie weglaufen, finde ich das total bescheuert. "Lauf doch zu!" schreie ich den Fernsehapparat an und denke: Wie kann man so bescheuert sein? Das macht doch niemand im echten Leben!
Und hier saß ich auf dem Hocker und sah mich um, ob da jemand hinter mir wäre. Das Leben ist bescheuerter als das Fernsehen! Wenigstens habe ich das gelernt!! Und drei Mal hintereinander bescheuert geschrieben, das sollte einsinken!
Ich ging also hinaus in die Schalterhalle und suchte die Anzeigetafel auf der die abfahrenden Züge angezeigt werden. Die befinden sich am Nord- und am Süd-Eingang, also zwischen Gleis 1 und Gleis 16. Der Schlemmer Grill ist auf der Höhe von Gleis 8. ... Der langen Rede kurzer Sinn, es dauerte bis ich mit der Nachricht zurück kam, dass der nächste Zug nach München um 21:12 Uhr fahre, aber 5 Minuten Verspätung habe. Da war es 21:11 Uhr.
"Okay." nuschelte Rebecca und wandte sich dem Automaten zu, in dem noch Geld zu verspielen steckte.
Habe ich erwähnt, dass die Buben inzwischen das Handtuch geworfen hatten und davongeschlichen waren?
Und hier beginnt das Loslassen.
Nachdem ich als Beteiligter einbezogen worden war, fühlte ich mich verantwortlich. Zwar nicht für Alles, aber für das woran mein Interesse hing. Und das war jetzt Rebecca, so absurd das scheinen mag. Sie hatte mich angesprochen und ich hatte geantwortet, so einfach war das.
Statt ihren Hund und ihr Gepäckstück an sich zu nehmen und schleunigst nach Gleis 16 zu eilen, wo der Zug angekündigt war, spielte sie erst noch das Geld herunter, das sich aus ihrem Einsatz im Apparat befand.
Ich blickte dauernd zur Uhr. 5 Minuten Verspätung sind nicht viel!
Endlich klingelte nichts mehr im Gerät und die Spielerin sammelte die Hundeleine ein ... da sah ich erst, dass es zwei waren! Unter dem Hocker hinter dem Gepäck lagerte ein Pekinese, oder Ähnliches.
Schon allein das Entwirren und vom Hocker Loskoppeln der Leinen dauerte, für mein auf Hochtouren laufendes Empfinden, eine Ewigkeit. Schließlich stolperte und wankte sie aus der Tür in Richtung Gleis 16.
Ich wagte durchzuatmen. Mission accomplished! Einen Menschen auf den richtigen Weg gebracht und das ohne missionarisch zu werden. Hier ist Schulterklopfen angebracht ... wagte ich zu denken.
"Die kommt wieder." sagte der Schatzisager, ohne weit aus seinem Bierschlaf aufzutauchen.
Ich schwieg. An einem Dialog mit einem Besoffenen war ich nicht interessiert.
Plötzlich richtet er sich ruckartig auf und fixiert mich mit seinen Mausaugen. Er sieht wirklich einer Maus ähnlich: spitze Nase, fliehendes Kinn, ein kleiner Mund, dem ein schmales Oberlippenbärtchen vergeblich versucht Männlichkeit zu verleihen.
"Die kommt hunnerd brozent wieder.", lallt die Maus. "Icccch bin seit fümfhur da un da war die au schoda. Die kommt wieder ..." Sein Kinn sackt Richtung Theke.
Ich atme auf.
Es ist 21:25Uhr.
Sie hat es geschafft!
Da kommt sie wieder, im Schlepptau der Hunde, deren Leinen sich um ihre Beine winden. Wie sie es schafft aufrecht zu bleiben, ist mir ein Rätsel.
Aber es gibt eben unheimlich starke Frauen.
Na ja, unheimlich ist das jetzt schon.
Nichts ist absurder als das Leben!
Und ich fühle mich für sie teilverantwortlich!
Der nächste Zug nach München fährt um 22:12 Uhr. Nicht ganz eine Stunde, denke ich, das wird sie schaffen.
Absurd ist, was nicht surd ist, oder?
Die Spielerin, gleich erfahre ich ihren Namen, hat die Automaten wieder mit Geld gefüttert. Die Hunde sind völlig geschafft und ruhen unter einem Hocker. (Sie hatten Wasser und etwas zu fressen schon früher.) Das Gepäckstück hat sie einfach fallen lassen, als sie wieder zur Tür herein kam. Da liegt es.
Als wäre das nicht genug, kommen jetzt auch die Bürschchen wieder herein und sehen mit Entsetzen, dass die Automaten schon wieder, oder, wie sie glauben, immer noch besetzt sind. Ich kläre sie auf, dass sie zehn Minuten zu spät kommen. Sie sehen mich gequält an. Ich bedauere sie nicht. Sie gehen.
Plötzlich verlässt der Schatzisager seinen Hocker und stolpert zur Spielerin.
"Weisch Du, morgen fährt auchnocheinZug nach München." flüstert er ihr so laut ins Ohr, dass ich es nicht überhören kann.
"Du kansch beimirschlafen."
Ich frage mich, ob dies Alice im Wunderland oder sonst ein Science Fiction Film ist.
"Wo wohnsch Du denn?" fragt sie.
"Wie heisch Du denn?" kommt seine Gegenfrage.
Sie überlegt kurz und sagt dann: "Rebecca."
Ein schöner Name, denke ich und gleich fällt mir Daphne du Maurier ein. Wem auch nicht.
Der Schatzisager spitzt plötzlich seine Mauslippen und, wirklich und wahrhaftig, sie küsst ihn. Allerdings eher wie aus Versehen als mit Inbrunst.
Sie fragt dann noch einmal wo er wohnt und er erklärt, dass man da mal kurz mit dem Zug fahren müsse und dann noch vielleicht zwei Minuten laufen.
"Laufen?" fragt sie.
So scheitern Romanzen.
Sie spielt das Geld zu Ende. Bier hat sie nicht mehr getrunken, obwohl ihr Verehrer es mehrfach anbot. Dann sammelt sie wieder die Hundeleinen ein, schnappt ihr Gepäckstück und schrammt durch die Tür.
Du lieber Himmel, denke ich, die schafft das nie!
Schatzisager betet wieder geneigten Hauptes sein Bier an. "Die kommt wieder." nuschelt er.
Ich sitze wie auf heißen Kohlen. `Die armen Hunde´, denke ich. `Die Besoffene´, denke ich, was durchaus nicht abwertend ist, aber man soll sich die Dinge ja auch nicht schön reden, oder?
Nach zeh Minute trinke ich meine Schorle aus und gehe.
Zum Bahnsteig 15, aus dem der IC nach München fahren soll.
Wenn es sein muss, werde ich ihr helfen in den Zug einzusteigen, das bin ich ihr schuldig.
Loslassen, sagt meine Vernunft.
Von Weitem beobachte ich sie. Die Polizei übrigens auch. Die zwei Beamten schütteln den Kopf und lachen. Wenn das ihre Frauen wären? denke ich.
Der Zug ist pünktlich. Wunder geschehen.
Ich bin ganz nah bei ihr, als die Passagiere aussteigen und sie, belastet mit Hunden und Gepäck nach innen drängt ... in den BistroWagen. Sie setzt sich an einen Fensterplatz. Ich könnte ihr noch zuwinken, tu es aber nicht. Sie könnte mich als Spanner anzeigen ... Dann kommt der Zugbegleiter an ihrem Platz vorbei und wechselt ein paar Worte mit ihr. Sie rafft Hundeleinen und Gepäck auf und verlässt den Zug und hastet weiter nach vorn den Bahnsteig entlang. Offensichtlich wird der Zug hier getrennt ...
Der Zugbegleiter, der sie angesprochen hat, steht auf dem Bahnsteig. Er zündet sich eine Zigarette an.
"Ihnen ist schon bekannt, dass hier Rauchen verboten ist?" wage ich anzumerken.
"Na und?" sagt er.
"Es gibt Raucher-Areale." sage ich.
"Soll ich Ihnen eins zeigen?" fragt er. Aggressiv ist gar kein Ausdruck!
"Aber warum rauchen Sie dann hier?" frage ich.
"Weil mir danach ist!" schnauzt er.
Loslassen, denke ich, und gehe heim.

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