Wie erzählt man einen Alptraum der keiner ist, sondern Wirklichkeit war? Wenn ich ganz am Anfang beginnen möchte, muss ich wieder einmal auf mein Sehen zu sprechen kommen. Daran hat sich nämlich nichts Grundsätzliches gebessert. Sogar der weiße Schleier liegt noch vor dem linken Auge, obwohl am Mittwoch, also Übermorgen, sechs Wochen seit der Operation vergangen sind. Ich illustriere hier noch einmal wie ich sehe, weil es für diesen Bericht eine wichtige Rolle spielt.
So sehe ich mit dem rechten Auge:
Und so mit dem linken:
Leider decken sich die beiden Bilder nicht genau, so dass sich meine Augen immer leicht hin und her bewegen bei dem Versuch ein Bild zu erwischen das scharf ist und keinen blinden Fleck aufweist. Dazu kommt die Lichtempfindlichkeit, trotz Sonnenbrille, die mich in letzter Zeit davon abgehalten hat, vor Sonnenuntergang das Haus zu verlassen, außer für Einkäufe in der Nachbarschaft. Meine Spaziergänge machte ich immer in die umliegenden Hügel, wo keine, oder nur wenige Lampen sind, weil Lichtquellen eine zusätzliche optische Irritation durch "Strahlenbildung" hervorrufen, ähnlich der scharfen Bündelung von Sonnenlicht in einem Glas, oder Spezialfiltern vor der Kameralinse.
So z. B.: Das Licht "sticht" ins Auge.
Gestern Abend wollte ich aber wieder einmal zum Hauptbahnhof und dort eine der fantastischen Thüringer Bratwürste im Baguette Brötchen mit viiiiiiel Senf essen. (Ansonsten ernähre ich mich ja hauptsächlich von selbst zusammengemischtem Müsli mit linksdrehendem Joghurt, frischem Obst, Krautsalat, (sehr gut!) Magerkäseprodukten, fettarmen Putenbällchen, dunklem Brot ... etc. Gesund eben.)
Ich hatte ganz vergessen, dass zur Zeit das Volksfest stattfindet und wurde von den Dirndlmädels und Krachlederjungs förmlich weggespült, als ich die Treppe zur U-Bahn hinunter gehen wollte, um die Heimfahrt anzutreten. Als die Menschenwelle sich verlaufen hatte, bemerkte ich einen Mann, der vor einem Rollstuhl stand, den er wohl schon vor einem Weilchen verlassen hatte, weil er die Treppe hinunter gehen wollte. Er hielt sich mit beiden Händen am Treppengeländer fest und versuchte einen Fuß so weit nach vorn und unten zu bewegen, wie nötig ist, um die erste Stufe zu bewältigen. Es gelang ihm nicht. Der Mann war ungefähr 1,80 Meter groß und sehr schlank, um nicht zu sagen mager. Er trug ein hellblaues Polohemd, eine schwarze Trainingshose und braune Halbschuhe und machte einen ungepflegten Eindruck, weshalb ihn die Passanten argwöhnisch ansahen, um dann schnell weg zu schauen.
Bis hierher war alles "normal". Dann ging ich zu ihm hin, um ihn darauf aufmerksam zu machen, dass er doch den Aufzug benutzen könne um zum Bahnsteig zu gelangen. Langsam, sehr langsam drehte er sich zu mir um und ich sah sein Gesicht ... und plötzlich war ich ein Jahr jünger und besuchte meinen Freund Walter, der schwer parkinsonkrank in einem Pflegeheim lag. Die selbe sich abschuppende Haut, die an seinem Gesicht klebte, die kranken, rotgeränderten Augen, die ständig tränen, das dünne, schüttere weiße Haar ... aber das unheimlichste war die Stimme in meinem Kopf, die plötzlich eine Bibelstelle zu rezitieren begann und nicht mehr aufhörte:
"Wo du hingehst, da will ich auch hin gehen, wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch; da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, der Tod muss mich und dich scheiden."
Gleichzeitig hörte ich auch die, von Hugo von Hofmannsthal für die Oper "Arabella" von Richard Strauß, umgedichtete Bibelstelle. Vor 50 Jahren hatte ich Walter beim Anstehen um Karten für diese Oper kennengelernt.
"Und du wirst mein Gebieter sein und ich dir untertan, dein Haus wird mein Haus sein, in deinem Grab will ich mit dir begraben sein, so gebe ich mich dir auf Zeit und Ewigkeit."
Die Stimmen wiederholten diese Texte gleichzeitig unaufhörlich, sowie ich mich mit dem Mann befasste, ohne abzulenken oder zu stören.
Ich sagte ihm, dass er doch den Aufzug nehmen soll.
Er tat sich sehr schwer damit Worte zu artikulieren. Ich wusste sofort, dass er Parkinson hat.
"Ich will den Aufzug nicht nehmen."
"Kann ich ihnen helfen:?
"Ich will keine Hilfe."
Er versuchte wieder einen Schritt die Treppe hinunter zu machen. Ein junger Mann und seine Freundin blieben stehen und fragten ob sie behilflich sein könnten. Ich wusste nicht was ich sagen sollte, erklärte ihnen aber kurz die Situation. Der junge Mann bot an, den Rollstuhl an den Fuß der Treppe zu tragen. Der Mann war damit einverstanden. Dann verabschiedete sich das junge Paar schnell. Sie mussten einen Zug erreichen. Ich griff nach einer Hand des Mannes und unterstützte mit meiner anderen Hand seinen Ellenbogen. Da gab er nach und tat den ersten Schritt auf die oberste Stufe. Wie viele Stufen es sind, weiß ich nicht, aber gefühlt waren es unendlich viele. Dazu kam noch meine eigene Trittunsicherheit, gerade beim Treppensteigen. Und dass dann ausgerechnet wieder eine Bahn voll lustiger Festbesucher ankam, die uns höchst verwundert beobachteten und lachten war auch nicht hilfreich.
Unten stand der Rollstuhl zum Glück so günstig, dass der Mann sich ohne Schwierigkeiten setzen konnte. Ich war völlig verschwitzt. Als ich ihm anbot, ihn zum Bahnsteig zu schieben, lehnte er dies geradezu verärgert ab.
"Ich brauche keine Hilfe." Speichel tropfte aus seinem Mundwinkel auf sein Hemd und die Hose, die schon sehr befleckt aussahen. Er hatte Mühe den Kopf zu wenden, heben konnte er ihn gar nicht.
"Wohin möchten sie denn?" fragte ich. Wenigstens wollte ich so lange in der Nähe bleiben, bis er sicher in der Bahn war. Zuerst konnte ich nicht verstehen, was er sagte. Es machte ihm große Mühe den Namen auszusprechen, der aus mehr als einer Silbe bestand. Schließlich begriff ich. Er wollte nach Degerloch.
Wir waren auf dem falschen Bahnsteig!
Ich machte ihm das klar und bot an, ihn zum Aufzug und zur anderen Seite zu bringen. Er lehnte ab und entfernte sich mit seinem Rollstuhl so eindeutig, dass ich ihn gehen ließ.
Es wird sich schon jemand finden, der ihm weiter hilft. Dachte ich.
Und dann merkte ich, dass die Stimmen schwiegen. Gottseidank! dachte ich. Inzwischen war meine Bahn, die auf dem Gleis verkehrt, an dem der Mann jetzt wartete, gerade abgefahren. Die nächste ging in 15 Minuten. Sonntagsverkehr. Also ging ich nach oben und schlenderte langsam durch die Klett Passage von einem Ende zum anderen und zurück. Schließlich sah ich auf der Anzeige, dass ich nur noch drei Minuten warten musste, also ging ich die Treppe hinunter ...
Er hatte es, ohne Hilfe, bis zum ersten Absatz geschafft. Jetzt war er mit seinen Kräften am Ende. Ich habe noch nie einen hilfloseren Menschen gesehen. Die an ihm vorbei gingen machten lediglich einen Bogen um ihn.
Und seit ich ihn auf der Treppe entdeckt hatte, waren die Stimmen wieder da: "Wo du hingehst ..."
"Darf ich ihnen helfen?" fragte ich. Er nickte nur.
Eine junge Frau, die von unten kam, fragte, ob sie etwas tun könne. Man müsste den Rollstuhl nach oben tragen, sagte ich. Ein junger Mann holte ihn und stellte ihn oben ab.
Der Mann konnte sich kaum mehr auf den Beinen halten und es war nicht damit getan ihm eine Hand zu reichen. Er legte von sich aus einen Arm um meinen Hals und tat wohl das selbe bei der Frau und dann setzte er Fuß vor Fuß wie eine Marionette, während wir ihn quasi nach oben trugen.
Sowie er im Rollstuhl saß, lehnte er wieder jede Hilfe ab. Ich ging hinter ihm her. Es wunderte mich, wie unbeteiligt die Passanten waren. Ich nehme an, dass sich die meisten vor ihm ekelten.
An der anderen Treppe wiederholte sich die ganze Szene von vor ... wie langer Ewigkeit? Es war wieder ein junger Mann der den Rollstuhl nach unten trug und mir blieb es wieder überlassen den Mann die Treppe hinunter zu führen. Zum Glück war da der Kraftaufwand für ihn zu schaffen. Ich frage mich aber schon, was sich die Menschen dachten, als sie einen doch nicht mehr jungen Mann beobachteten, der einem schwerst Behinderten die Treppe hinunter half. Ich war ehrlich gesagt an der Grenze meiner physischen Belastbarkeit und merkte, dass mein Tritt immer wackeliger wurde. Es waren wohl starke Schutzengel an unserer Seite.
Auf dem Bahnsteig rollte der Mann sofort wieder von mir weg. Er sprach ein junges Mädchen an, das aber wahrscheinlich gar nicht verstand was er sagte. Sie schüttelte nur den Kopf und lachte verlegen, während sie auf ihrem Handy herumtippte.
Also blieb ich in der Nähe bis die nächste Bahn nach Degerloch kam und achtete darauf, dass die Tür so lange geöffnet blieb, bis er an Bord war. Es ging nicht ohne Hilfe von innen, wo man die viel zu kleinen Vorderräder anheben musste ...
"Er will nach Degerloch." sagte ich etwas ratlos in das Wageninnere hinein. Eine Frau nickte. Die Tür ging zu und die Bahn fuhr ab.
Die Stimmen waren still.
Als ich zur Treppe ging hatte ich den Eindruck, dass alle Menschen auf dem Bahnsteig nur Silhouetten oder Schatten wären. Auf der Treppe war niemand. Sie war leer. Ganz oben stand ein Mann der zu mir heruntersah, als würde er auf mich warten. Er war klein, fast zierlich, hatte eine ausgeprägte Stirnglatze und sehr weiße Haut und trug einen schwarzen Anzug. Als ich oben ankam war er verschwunden.
Ich fragte mich, ob ich das Richtige getan hatte. Hätte ich die Polizei auf den Mann im Rollstuhl aufmerksam machen sollen und ihr die Verantwortung für ihn überlassen? Wohin ging er? Hatte er ein Ziel? Aber dann dachte ich, dass er wohl ein Ziel haben musste, sonst wäre er nicht so hartnäckig darauf zu gesteuert. Und vielleicht fürchtete er sich ja vor der Polizei mehr als vor allen anderen die ihm Hilfe anboten. Vielleicht will er nur Freiheit.
Zum Glück musste ich nicht lange auf eine Bahn warten und ich dachte auf der Heimfahrt: Wenn das kein Albtraum war und ich mich morgen noch daran erinnere, dann schreibe ich es auf.
Siehe oben ...
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