Dienstag, 24. September 2013

Fortsetzung: Suchet so werdet ihr irgendetwas finden ...

































Irgendetwas findet man beim Stöbern immer, dass ich aber so viel verloren geglaubtes Venedig finden würde, hat mich sehr überrascht. Zum Beispiel dieses Andenken an eine winzige Trattoria, die von zwei Freunden, siehe Bild, geführt wurde.


Einer kochte, der andere kellnerte. Es gab nur drei oder vier Tische, eher Tischchen, und als zwei besetzt waren mit jeweils zwei Personen, und alle vier ihre Speisewünsche geäußert hatten, wurde das Lokal geschlossen. Mehr würde der Koch nicht bewältigen, klärte uns Sandro auf. Das Essen war exzellent!!! Und alles, wirklich ALLES, angefangen mit dem Brot, wurde frisch zubereitet. Kein Wunder also, dass wir zwei Stunden dort verbrachten! Billig waren sie nicht, aber lohnend! Diese zwei Stunden werde ich nie vergessen, obwohl sie inzwischen beinahe 40 Jahre zurück liegen.































Aber auch die Aufzeichnungen von meiner Reise vor 30 Jahren sind sehr aufschlussreich, zumindest werfen sie ein grelles Licht auf meine damalige Befindlichkeit.  Ich zitiere eine etwas längere Passage aus der "Anlaufphase":
Ich habe mich zuhause sauber gewaschen, (diese Formulierung verstehe ich heute selber nicht mehr: Mehr als sauber geht nicht. Ich habe geduscht, was sonst?) nahezu fanatisch rasiert (?) und sorgfältig gekämmt, was bei meiner doch sehr geringen Haarfülle nicht nur ein Prädikat der Eitelkeit, sondern eher ein Teil der körperlichen Ordnung ist. Außerdem nahm ich mir vor, ehe ich aus dem Haus ging, mich nicht zu ärgern oder über irgend etwas aufzuregen, weil ich ohnehin schon nervös war wie eine erstmals schwangere Gans. (Na ja, ich war verhältnismäßig jung und überzeugt davon, dass mein Sinn für Humor umwerfend sei.) 
Auf den Omnibus (damals wohnte ich in Stuttgart-Büsnau) zu warten war schon eine kleine Nervenprobe. Ich kam mir zu sauber und der Abend kam mir  zu hell vor. Im Bus wurde ich dann unsicher, ob man eine Fahrkarte für die Busfahrt lösen müsste, oder der Preis im Bahnticket inclusive sei, fragte aber nicht den Fahrer, sondern hielt während der ganzen Fahrt Ausschau nach eventuell zusteigenden Kontrolleuren. Es kamen zwar keine, aber an der Haltestelle Heslacher Wand stempelte ich vorsichtshalber ein B-Kärtchen (das war die "billige" Variante) obwohl ich beim Einsteigen eine volle Fahrt auf der A-Karte gestempelt hatte. Jetzt konnten mir die verstopften Straßen und der stehende Verkehr nichts mehr anhaben. Zeit hatte ich ja übermäßig viel eingeplant. Ich empfand es sogar als sehr angenehm, dass mir der, hinter meinem Kopf befindliche, Stempelautomat, durch das starke Vibrieren des immer wieder anhaltenden Fahrzeugs, eine Art Gehirnmassage verpasste. (...)
Und so ähnlich schwafelt das weiter. Ich deponiere meinen Koffer im Schließfach und gehe in die große Halle hinauf. Es begegnen mir einige Bekannte, über die ich mir mehr oder weniger Gedanken mache, zum Beispiel Fred, einen Druckerkollegen (...) er sieht irgendwie verloren aus und wird außerdem fett. - Müsste man über ihn eine Geschichte schreiben, oder sollte man ihn einfach vergessen? Der Gedanke bewegt mich unterbewusst. (Welch ein Schwachsinn!) (...) Plötzlich bin ich ratlos. Warum möchte ich eigentlich nach Venedig und was will ich dort? Was suche ich hier, im Bahnhof? Die totale Desorientierung, die mich nun schon seit zwei Jahren verfolgt, stellt wieder ihre bösen, blutenden Fragen. (Damals war ich überzeugt, dass ich ein Schriftsteller bin. Mein "Stil", dachte ich, pendelte zwischen Thomas Mann und Truman Capote, deren Prosa den Jugendstil spiegelt, fand ich. Später entdeckte ich Jens Peter Jacobsen, den Dichter der Gurre Lieder, dessen "blumige" Sprache auf der Höhe des Jugendstiels angesiedelt ist und dessen abgrundtiefe Melancholie jeden Leser in sichere Depressionen stürzt. Meine Meinung über Mann und Capote hat das aber nur geringfügig geändert.) - Schließlich gehe ich ins Weinstüble. - (Michael (der Kellner, mit dem ich oft tiefenphilosophische Dialoge führte, wenn ich wieder einmal der letzte Gast war)  sieht auch nur noch müde und mitgenommen aus, wie ein dekadenter Bandit). - Das steht wirklich so da. Unvorstellbar! Tiefenphilosophisch sind dann die nächsten zwei Seiten, bis ich endlich schrieb: Kässpätzle gegessen und zwei Viertele Rotwein getrunken (Neipperger Schwarzriesling). - Hat mich etwas geliftet aber nur in Richtung Ratlosigkeit auf höherem Niveau, doch wenigstens weg von Verzweiflung. - 
Im Großen und Ganzen betrachtet komme ich mir im Nachhinein extremst suizidgefährdet vor! Ich denke mal, dass das die Midlifecrisis war. Übrigens ist die oben auszugweise zitierte Passage eine "Rückblende", die ich im Zug schreibe. Der (ich zitiere noch einmal kurz) Zug durchfährt eine Kurve und die Lichter irgend einer Stadt, ich weiß schon nicht mehr in welchem Land, fallen wie Sterne auf mich zu, nein, um mich her. Wie von einer Sichel niedergemäht fallen sie um mich her. Ja, - man muss wohl dabei gewesen sein, um das zu verdauen!

Ich denke dass hier wieder eine Pause angebracht ist. Ganz abgesehen davon, ist jetzt wieder Kiesern fällig. Jeden zweiten Tag. Die Zeit vergeht immer schneller!

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