Montag, 22. September 2014

Drama am Fenster zum Hof! - Das "Projekt Mathilda" in der Krise

Es sah alles so friedlich aus: der Hibiskus wie ein vielarmiger Kandelaber auf den gelbe Kerzen aufgesteckt sind, kein Regen, annehmbare Temperatur, 14,8°C, leichter Wind, manchmal ein vorbeihuschender Sonnenstrahl: ein Montagmorgen für Optimisten also. Ich stand am Fenster und atmete Wohlbehagen und als dann Mathilda anflog, begrüßte ich sie mit Herzlichkeit. Dass es mir eine Freude sei sie zu sehen, sagte ich und fragte wie es ihr denn gehe, ob die Königin noch immer Eier lege und ob schon neue Königinnen geschlüpft wären die Drohneneier legen ... Wespen-Small-Talk eben, wie er sich an einem Herbsttag anbietet.

Mathilda würdigte mich keines Blickes, sondern widmete sich dem von mir erst vor wenigen Minuten aufgefrischten Zuckersirup. (Ich habe das mal kurz überschlagen: am 6. September fing ich mit der Wespenfütterung an, heute ist der 22. September. Angenommen ich hätte den Wespen jeden Tag zwei Würfelzucker zukommen lassen, dann wären das in 16 Tagen 32 Stück Zucker. Dabei ist das Kaffee-Experiment nicht berücksichtigt, für das mindestens 12 Zuckerstücke zur Verwendung kamen. Außerdem musste ich an den Regentagen, sagen wir einmal es waren fünf, immer wieder Zucker in die verdünnte Brühe nachlegen. Ich rechne also mit mindestens 60 Stück Würfelzucker, die mich meine Tierliebe bis jetzt gekostet hat. 1,5 Liter Cola enthalten 54 Stück Würfelzucker ... ) 
So weit war ich mit meinen müßigen Überlegungen gekommen, als sich eine zweite Mathilda aus heiterem Himmel auf Mathilda 1stürzte, woraufhin diese rücklings in die klebrige Masse fiel. Hilflos strampelte sie herum und geriet dadurch nur noch tiefer in den Sirup. Ich stand dabei und schöpfte die schnellen Schrecksekunden hilflos glotzend aus.
Was soll ich tun?
Wespen stechen!
Wenn sie in Panik sind sowieso.
Inzwischen ruderte die klebende Mathilda nur noch mühsam mit den Beinchen.
Beherzt griff ich zu einem Blatt Küchenrolle und hielt es der mit dem Tode ringenden Wespe hin. Sie griff zu und ich konnte sie befreien, wobei sie, durch mein Zittern, gleich noch einmal abstürzte. Dann gelang mir die Rettung aber doch.
Und jetzt?

Wie re-animiert man eine sirupverklebte Wespe? Ich sah sie an und musste feststellen, dass sie sehr mühsam atmete und die Flügel zusammen klebten. Da hilft nur eins, sagte ich mir: Wasser. Schnell füllte ich eine flache Schale und ließ Mathilda kurz entschlossen hineingleiten. ... Na ja, mit dem Gleiten war das so eine Sache, schließlich klebte sie am Papier fest ... Ich tauchte sie unter. Das machte sie munter! Sie strampelte sich frei und tauchte auf. Jetzt war sie also dem Ersticken und dem Ertrinken entronnen. Wir atmeten beide auf. Ich ließ sie noch ein paar Sekunden im Wasser zappeln, damit alles Klebrige abgewaschen wurde, ehe ich ihr einen Zahnstocher unter schob, auf den sie hoch kletterte. Schnell transferierte ich sie ins Geäst des Hibiskus und wartete.

Sie konnte es kaum fassen, dass dies alles passiert war. Man sah ihr den Schock an, auch war ihr Gelb blasser. Aber dann fing sie an sich zu reinigen, von den Fühlern bis zu den Flügelspitzen. Ich sah ihr zu und gratulierte mir zur gelungenen Rettungsaktion. Als sie schließlich am Blattstiel empor klomm und über den Blattrand mir direkt in die Augen blickte, empfanden wir beide Erleichterung und Dankbarkeit. 
Dann flog sie fort.
Auf der Suche nach der Mathilda, die sie in den Schlamassel geschubst hatte?
Und ich muss jetzt ausruhen, nach all der Aufregung!


Keine Kommentare: