Donnerstag, 12. Juni 2014

Tag und Nacht im Horror Café

Wenn es darum geht, Interesse an einer Geschichte zu erwecken, ist ein reißerischer Titel das am besten geeignete Mittel. "Die Blutspur der Vampirjungfrau", oder  "Das Phantom der Peepshow", so etwas zieht immer. Meistens steht ja dann auch das drin was drauf steht.
Bei mir hat die Sache allerdings einen Haken, oder sogar zwei: der Titel ist insofern `getürkt´, dass ich nicht Tage und Nächte in dem Café verbrachte und dass es außerdem nicht so heißt. Es trägt vielmehr den Namen der Straße an deren Anfang, oder Ende(?) es liegt und ich habe dort insgesamt nur ein paar Stunden verbracht in den drei Wochen meines Istanbulaufenthalts. Länger als eine halbe Stunde pro `Sitzung´ habe ich es auf den "Kinderstühlchen" nicht ausgehalten.
Aber erst einmal die Lage des Cafés. Wie gesagt, an der Horhor Caddesi im Stadtbezirk Fatih, Stadtteil Aksaray (das heißt "Weißer Palast", ich habe keinen gesehen) und das ist eine ziemlich kurze Straße, die von der Metrostation, sagen wir mal `im Tal´, den Hügel hinaufführt und dort oben am großen Aquädukt endet. Es ist eine bescheidene Straße mit kleinen Läden rechts und links im unteren Abschnitt und einem Klinikum, Parkanlagen und auch einem eingezäunten aber durch zwei Tore zugänglichen "Archäologischen Gelände" (dieses wird, dem unverkennbaren Gestank nach zu urteilen, als "Öffentliche Bedürfnisanstalt" genutzt) weiter oben.



















































































Wie auf dem Plan zu sehen, ist es nur ein Katzensprung vom Café zum Apartment. Es bot sich also an, wenn ich vom Herumwandern müde und durstig zurück "in mein Viertel" kam, dort eine Teepause einzulegen.
"Çay lütfen."
Ich weiß nicht, wie oft ich das sagte, aber eins ist sicher, so viel Tee wie in diesen drei Wochen habe ich in meinem ganzen bisherigen Leben nicht getrunken! Es blieb ja nie bei einem, meist wurden es drei oder vier und bei 1 Lira pro Glas war es das billigste Getränk das zu haben war, oder dort zu haben ist. In anderen Cafés kostet er 2 Lira.










































































































Ich kannte den Namen des Cafés aus dem Internet. In einem Facebook Chat wurde ich darauf aufmerksam, ganz einfach des Namens wegen. Hor Hor, Horror, es bot sich an! Und wenn man erst einmal den Mut aufgebracht hat, sich auf einem der Stühlchen nieder zu lassen, wahrhaftig!, und zum ersten mal: "Çay, lütfen." genuschelt hat und dann tatsächlich ein Glas heißen Tee serviert bekommt, dann möchte man nicht so schnell wieder weggehen. Aber, wie gesagt, die Sitzmöbel fordern das Letzte von der Wirbelsäule und die Tischkanten, auch sehr niedrig, strapazierfähige Kniescheiben. Das Gefühl aber, hier bin ich in der wirklichen Türkei, ist überwältigend.
Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass, wie andernorts berichtet, Aksaray ein Vielvölkerviertel ist und man beinahe genau so viel Arabisch wie Türkisch hört, wobei dann auffällt, dass die Araber genau so viel Verständigungsschwierigkeiten mit den Türken haben wie wir Deutschen. Das "wir" bezieht sich hierbei auf einen jungen Mann, der eines Morgens an einem der Tischchen versuchte seine langen Beine unter zu bringen und dem älteren Herr, der tagsüber bediente, mit viel Gebärdensprache klar zu machen, dass er frühstücken wolle. Es klappte dann, anhand der Menükarte, auch ganz gut. "Sie sprechen Türkisch so gut wie ich." begrüßte ich ihn schließlich. Er war sofort misstrauisch. Ja ja, die Vorurteile die man mit auf den Weg bekommt, die funktionieren reibungslos! Als ihm klar wurde, dass ich kein Schlepper, Nepper, Zuhälter bin, erzählte er, dass er eben vom Flughafen komme unnd an der Metrostation einfach losgegangen sei, um ein Frühstück zu bekommen. Er habe eine Bekannte, sie hätten zusammen in Hamburg studiert, mit ihr werde er sich später treffen … Ich denke, er ist inzwischen auch wieder in Hamburg.


























































Wie man sieht: nichts Außergewöhnliches. Aber wenn ich im Titel schreibe: Ganze Tage und Nächte ... dann will ich damit das hier gezeigte sagen. Hier ist nichts "falsch", kein Touristen-Nepp, keine Reeperbahn, einfach nur Istanbul. Sicher, nicht das Feinste, eher das am wenigsten Erlebenswerte, wenn man den Reisführern glaubt. Mag sein, dass auf der anderen Seite der Galata Brücke alles ein bisschen mehr Boheme, mehr das "schöne" Istanbul ist, aber Aksaray ist für den, der diese Stadt kennen lernen will, eine Station, die er nicht auslassen sollte. Mir gefiel die Art mit der der Einzugsbereich des Cafés sich ständig veränderte. Tischchen tauchten auf und Sitzgelegenheiten, manche dann Hocker ohne Lehne, wenn neue Gäste Platz suchten. Es quoll über den Gehsteig auf die Straße, (siehe oben) dann auf die andere Straßenseite (auch oben zu sehen) und wieder zurück, wie Ebbe und Flut. Würfel klappern, Wasserpfeifen blubbern und der Tee fließt in Strömen. Hier habe ich meine mangelnden Sprachkenntnisse am meisten bedauert und hätte ich die Sprachkenntnisse und die Zeit hier wirklich Tage und Nächte zu verbringen, ich würde es tun und einen Blog mit dem Titel:
Ganze Tage und Nächte im Hor Hor Café
schreiben. Von dem was ich dort in der kurzen Zeit beobachtet habe, kann ich schließen, dass es keine langweilige Lektüre würde.


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